Lineare Beschreibung

Was ist die Lineare Beschreibung?

Ihren Ursprung hat sie in der Praxis, denn erfahrene Richter und Züchter praktizieren sie seit jeher: Sie notieren sich Stichworte zu jedem Pferd, das sie zu beurteilen haben, in den Katalog, sei es bei der Fohlenschau, der Stuteneintragung, der Körung, der Leistungsprüfung oder auch dem Freispringwettbewerb. Diese Notizen können die unterschiedlichsten Hinweise beinhalten, so z.B. „flacher Trab“, „steile Schulter“, „gute Vorderbeintechnik“. Diese Notizen dienen dem Richter unter anderem dazu, dem Züchter auf Nachfrage erklären zu können, warum eine Note so und nicht anders gegeben wurde. Aus der Summe solcher Notizen ergeben sich aber auch Erkenntnisse zur Vererbung von Hengsten und daraus folgt eine bessere Anpaarungsplanung, z.B. wenn es gezielt um die Verbesserung einzelner Merkmale geht. Aus dem Grundgedanken heraus, diesen praktischen Erfahrungsschatz der Richter der allgemeinen Züchterschaft transparent und nutzbar zu machen, ist die Lineare Beschreibung entstanden und von der Wissenschaft über diese praktischen Ursprünge hinaus weiter entwickelt worden.

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Im Gegensatz zur klassischen Notenvergabe ist die lineare Beschreibung kein Mittel zur Rangierung von Pferden, es lässt sich also keine Platzierung daraus ableiten. Verschiedene Merkmale werden auf einer Skala, die häufig von -3 bis + 3 läuft, erfasst, wobei das minus nicht mit negativ und das plus nicht mit positiv assoziiert werden darf und die Null in der Mitte für „unauffällige Merkmalsausprägung“ steht. So kann dokumentiert werden ob z.B. der Hals lang oder kurz ist, die Schulter eher schräg oder steil verläuft. Ist der Hals weder in der einen noch in der anderen Richtung besonders ausgeprägt, bleibt es beim Wert „Null“. Einzelne Notizen wachsen so zu einem Datensatz pro Pferd. Datensätze wiederum können einer Auswertung zugeführt werden und Auswertungen wiederum können der Züchterschaft in ihrer Gesamtheit zur Verfügung gestellt werden.

In der Schweiz wird diese Lineare Beschreibung bereits seit über 20 Jahren verwendet und in vielen anderen Zuchtverbänden in Europa, so in Belgien, Frankreich, Spanien, Schweden, Dänemark oder den Niederlanden sowie in einigen deutschen Zuchtverbänden, hat diese Form der Dokumentation bereits Einzug gehalten. Im Rahmen eines internationalen Workshops im Landgestüt Warendorf, an dem Vertreter von 9 Nationen teilnahmen, darunter auch Neel Heinrich Schoof und Wiebke Rosenthal für den Trakehner Verband, kristallisierte sich heraus, dass es viele Übereinstimmungen über die Länder hinweg gibt, sei es bezüglich der erfassten Merkmale oder bezüglich der verwendeten Skalen.

Unterschiede bestehen bezüglich der weiteren Nutzung der Daten, hier bieten sich folgende Möglichkeiten an: 1. Herausgabe der gegebenen Beschreibung für das individuelle Pferd an den Besitzer, was als Verbesserung der Beratung des Züchters durch den Zuchtverband wie auch als Maßnahme zu mehr Transparenz zu bewerten ist, 2. eine Zusammenfassung der Nachkommenbeurteilung für die Vatertiere zwecks Verbesserung der Anpaarungsberatung und  3. Berechnung von Zuchtwerten für bestimmte Merkmalskomplexe. Solche Zuchtwerte würden dabei direkter ansetzten, denn das einzelne Merkmal wie z.B. “steiles Hinterbein“ hat natürlich eine höhere Erblichkeit als im Vergleich dazu die Wertnote 7 für das Fundament. Besonders spannend wäre eine Verknüpfung der gewonnenen Daten aus der linearen Beschreibung mit den Möglichkeiten der Genomischen Selektion, weshalb auch an einer Verbesserung der Sammlung von DNA in Form von Haarproben gearbeitet wird.

Doch bis zur Genomischen Selektion ist es noch ein langer Weg – zunächst gilt es, überhaupt die ersten Schritte zu gehen.

Der Trakehner Verband hat sich bereits intensiv mit der Linearen Beschreibung auseinandergesetzt und seit 2014 handschriftlich unterschiedliche Erfassungsbögen ausprobiert, um Erfahrungen zu sammeln. Der Trakehner Verband hat sich für die Übernahme des Oldenburger Systems der Linearen Beschreibung entschieden, was auch die Nutzung der dafür bereits vorhandenen Software beinhaltet.

In diesem Jahr werden wieder  Tablets eingesetzt, um die Daten in auswertbarer Form zu erfassen und damit einer weiteren Verarbeitung zuführen zu können. Dies erfolgt im Rahmen der zentralen Stuteneintragungen sowie  zur Hengstmarkt- Vorauswahlreise, doch eine Ausweitung auf andere Veranstaltungen wie Fohlenmusterungen oder Stutenleistungsprüfungen ist angedacht.

Derzeit wurde ein Pool an geschulten Personen aufgebaut, um zum einen die Technik zu bedienen und zum anderen die Pferde entsprechend der umfangreichen Merkmalskataloge sachkundig zu beurteilen. Denn die gewählte Stuteneintragungskommission wird nach wie vor mit dem bewährten Wertnotensystem die Stuten auf den zentralen Eintragungen richten, für den Züchter ändert sich zunächst also noch nichts. Doch je mehr Informationen und Bausteine für die Zuchtplanung zur Verfügung stehen, desto besser.

Lineare Beschreibung fordert den Richter. Die Aussage „der Hals gefällt mir nicht“ ist zu allgemein. Was genau ist am Hals abweichend oder auffällig? Der Übergang von Hals zu Genick? Ein zu tief angesetzter Hals? Herausgearbeitet werden sollen vor allem die auffälligsten Merkmale, durch die das Pferd charakterisiert wird. Auch für den Richterassistenten, der das Tablet bedient und die vom Richter angegebenen Merkmale dort vermerken soll, wird eine gute Kenntnis der möglichen Merkmale und ihrer Ausprägungen neben einer schnellen Bedienung des Geräts erwartet.

An dieser Stelle sei auch darauf hingewiesen, dass mit Hinblick des Fernziels „Genomische Selektion“ die Sammlung von Haarproben aller linear beschriebenen Pferde geplant ist. Dieses Forschungsprojekt wird erst mittel- bis langfristig Früchte bringen, doch umso wichtiger ist es, jetzt damit anzufangen.


Die Züchter werden zum Thema Lineare Beschreibung weiterhin in DER TRAKEHNER informiert. Wer sich  näher mit der Thematik beschäftigen möchte, dem sei die Homepage www.equinephenotypes.org empfohlen, auf der viele Erkenntnisse aus In- und Ausland zusammengefasst sind.

Ansprechpartner in der Geschäftsstelle sind Herr Lars Gehrmann als Zuchtleiter sowie Neel-Heinrich Schoof als Assistent der Zuchtleitung (Mobil 0160-93186524) und für die stutbuchseitige Umsetzung Wiebke Rosenthal (Tel. 0 43 21 – 90 27 16).